Critique

 

Face to Face 

 

Eine Künstlerin, die sich seit Jahren intensiv mit dem Thema des menschlichen “Gesichtsverlustes” beschäftigt, ist Marie-Theres Gallnbrunner. In Ihren Zeichnungen lassen sich gesamte Passagen menschlicher Existenzen in Ihrem Daseinsdesaster herauslesen.

Die vorwiegend in Aquarell gemalten Zyklen interpretieren ein gesamtes Zeitarchiv medialer Bestürzung unserer Zeit. Die eigenwillige Strichführung und die im Gegensatz hierzu feinnuancierten Farbkontrasten lassen den Betrachter in die Formen hineinlesen, unweigerlich und mit einem Gefühl wahrer Subjektivität reflektiert der Betrachter diese menschlichen Figuren und Szenarien als Wirklichkeit eines infantilen Zeitbildes.

Es gelingt dem Auge nicht sich dem zu verschließen, was für das Auge und der Seele als Balsam anmutet. Für Marie-Theres erscheinen die menschlichen Formen als stilvolle und janusköpfige Gestalten, deren eigentliche Existenz erst aus dem Gesehenwerden herausgefiltert werden muss. Der unverkennbare Strich der Körperlinien und das vergleichsweise der Morbidität zugeordnete Körperinkarnat verwickeln den Betrachter in das menschliche Spektakel des Körperdaseins in einer Zeitreise durch alle Facetten der Körperzergliederung. Ein Ende ist nur abzusehen, wenn der Betrachter die Augen schließt, doch selbst da begegnen ihnen die vergeistigten Bilder unverfälscht und mit einer Spur Konformismus mit dem eigenen Selbst. Die Normen und Übereinstimmungen mit dem eigenen Bewusstsein treffen den Zeitgeist bis in den entlegensten Winkel des Unterbewusstseins. Eine Liaison, die in einer psychodelischen, konstituierten Welt einen Einblick in Ihre innere Geschlossenheit vermittelt und eine derbe Offenheit für jene zelebriert, die deren Sinn für sich selbst darin noch nicht erschlossen wurde. In den Arbeiten von Marie-Theres Gallnbrunner spiegeln sich die Wünsche und Ängste einer medialen, scheinbar modernen Zivilisation wieder, die sich stetig zu generieren versucht.

Katja Hochstein

 

Auf der Suche nach einer zeitgenössischen Positionierung zur Bedeutung des Portraits heute und zu seiner Wandlung wird man am ehesten bei Marie-Theres Gallnbrunner fündig. In ihren Aquarellen zerfließt nicht nur das Gesicht, sondern der gesamte Mensch, Gliedmaßen enden abrupt und unvollendet. Alleingelassen und trostlos blicken die verwaschenen Gestalten. Selbst dann, wenn sie eigentlich gar nicht mehr schauen können: Im Bild “Baby Girl” steckt ein Kinderskelett im rosafarbenen Rüschenkleid, das Makabre trägt zur Tarnung die Unschuld.

Sind dies die gesichtslosen Portraits einer Zeit, in der man nichts ist, bis man im sozialen Netzwerk seine Identität im Format eines Passfotos konstruiert? An vergrößerte Passbilder erinnern die Mädchen in den “Krakow Diaries”, ihre Gedanken stehen im Bild: “Nur wenn ich mich in jemand anderen verliere, finde ich mich selbst.”

Franziska NössigThüringische Landeszeitung, 23. Juni 2011